Beate Söntgen
Geraldine Spiekermann
Tagung Tränen
Exposé
Das Vergießen von Tränen ist nicht nur eine körperliche Reaktion. Es ist eine elementare und, neben der Fähigkeit zu lachen, allein und ausschließlich menschliche Ausdrucksform, es ist, mit Helmuth Plessner gesprochen, das Monopol des Menschen. Mit dem Erscheinen der Tränen im Auge, ihrem Fließen auf der Haut, haben sie die Grenzen des Körpers von innen nach außen überschritten, sind das sichtbare Zeichen der Entäußerung eines inneren Zustands. Ihr Verströmen ist nicht nur ein bewegtes, sondern zugleich ein bewegendes Motiv, und es ist gerade das Appellhafte der Tränen, ihr eigentümliches Vermögen, Affekte zu übertragen oder zu kristallisieren, das sich in der Bildenden Kunst, in Theater, Film und Dichtung immer wieder als ihre grundlegende dramatische Funktion erweist.
Das Motiv der Entäußerung von Innerlichkeit, der Vermischung von innerer und äußerer Welt bietet einen ersten Ausgangspunkt für die Betrachtung der Tränen: den Aspekt der Entgrenzung. Das bis heute gültige Verständnis von einem durch die Haut begrenzten und eingeschlossenen Einzelkörper verdrängte die bis ins späte 18. Jahrhundert vorherrschende Vorstellung von der porösen und offenen Körperoberfläche des dreidimensionalen grotesken Körpers. Seither ist die Funktion der Haut, zwischen Innen und Außen zu trennen, für das neue Körperbild maßgeblich.
An kultur- und medienwissenschaftliche Studien anschließend, welche diese historisch bedingten Vorstellungen von geschlossenen bzw. durchlässigen Haut- und Körpermodellen untersuchen, soll der Frage nachgegangen werden, in welcher Weise das Vergießen von Tränen als Zeichen körperlicher wie mentaler Überschreitung und Erweiterung, ja Auflösung von Körpergrenzen verstanden werden kann. In sprachlichen Bildern wird diese Auflösungstendenz artikuliert, im Zerfließen in Tränen. Auf welche Weise und in welchen Medien sie visualisierbar ist, gehört zu den zentralen Fragen der Tagung.
Ein zweiter, hier anschließender Aspekt ist das medienreflexive Potential der dargestellten Tränen. Denn so wie die Haut auch eine Metapher für die ästhetische Grenze des Bildes ist, thematisiert der Tränenfluss - metaphorisch und zugleich materialiter - die Durchdringbarkeit der Bildoberfläche. Der Entkonturierung des Mediums durch die Träne steht deren Erstarrung in Malerei und Fotografie entgegen. Diese Dynamik von Bewegung und Fixierung gilt es näher zu untersuchen.
Hiermit verbunden ist die Frage nach der spezifischen Adressierung durch Tränen. Was geschieht beispielsweise in der direkten Konfrontation des Publikums mit dem "unmittelbarsten Inneren", wie etwa bei einer Performance? Wenn der Körper selbst als Darstellungsmedium des Inneren eingesetzt wird und in seiner Kreatürlichkeit, in der körperlichen Auswendigkeit des Inneren Authentizität verspricht? Derartige Inszenierungen des Körpers zielen auf ein unmittelbares Bewegen, ja Aufwühlen der Emotionen. Doch die Affekt-Brücke, die hier geschlagen oder eingerissen wird, überschreitet die Aufgabe, die in der Ästhetik dem Pathos zukommt. Das Verhältnis von Wirkungsästhetik und Körpertheorie ist im Angesicht der Träne neu zu bedenken.
Von besonderem Interesse sind gattungsverschleifende Tendenzen. Das Motiv der Träne schließt Literatur-, Theologie-, Medizin- und Wissenschaftsgeschichte zusammen, in künstlerischen Verfahren werden Haut, Körper und Schrift miteinander verknüpft. Die im 18. Jahrhundert gestiftete Liaison von Schrift und Innerlichkeit verflüssigt die Grenzen zwischen Wort und Bild mit Hilfe der Träne, die das Fließende und Überschreitende ebenfalls metaphorisch und materialiter darstellt.
Ist die Fixierung in Schrift- und Bildzeichen der paradoxe Versuch, das Transitorische und Flüchtige zu bannen, oder gerät die Darstellungsform, das Zeichenmaterial selbst, in den Prozess der Verflüssigung und Auflösung?
Die hier skizzierten Fragen von Entäußerung und Entgrenzung, von Medienreflexivität und Affektübertragung bieten erste Ansätze zu einer Diskussion der Tränen, Ansätze, die, so hoffen wir, in verschiedenste Richtungen überschritten werden.